Welcher Pilgerweg war das Ziel?

Pilger waren keine normalen Reisenden. Sie unterschieden sich von den üblichen Handelsreisenden und sonstigen Reisenden durch ihren Beweggrund. Sie wollten etwas für ihr Seelenheil tun. Aus diesem Grunde wählten sie auch andere Wege als die Handelsreisenden. Pilger mussten ihr Ziel nicht notwendigerweise auf dem kürztesten Weg erreichen. Auch musste ihre Route nicht die schnellste Route sein. Ihre Wegewahl war individueller. Viele von ihnen hatten Zwischenziele, etwa um an diesen Orten für den weiteren Weg nach Santiago de Compostela zu beten.

Dem Jakobsbuch, der Liber Sancti Jakobi aus dem 12. Jahrhundert sind die wichtigsten Kultstätten zu entnehmen, die die Pilger als Anlaufstelle wählten. Ja, es war sogar so, dass dieser Pilgerführer vorschrieb, diese Stätten aufzusuchen. In bestimmten Orten fanden die Pilger zudem Gleichgesinnte und Mitpilger, sie fanden dort die Jakobi-Bruderschaften, die sie betreuten.

Aber auch die Unterkünfte spielten bei der Wahl des richtigen Pilgerweges eine Rolle. Es waren Klöster, Kirchen, Herbergen, Hospitäler und Gasthäuser, die den Pilgern Unterkunft gewährten. Die Niederlassungen der der Mönchs- und Nonnengemeinschaften lagen oft Abseits der normalen Handelsrouten. Gaststätten hingegen gab es fast überall. Dennoch haben gerade mittellose Pilger die Klöster aufgesucht, deren Aufgabe ja zum Teil darin bestand, Fremde als Werk der Barmherzigkeit aufzunehmen und auf ihrer Pilgerschaft zu versorgen.

Heute ist es zum großen Teil schwierig, die historischen Pilgerwege zu rekonstruieren. Schriftliche Quellen gibt es nur selten und keinesfalls beziehen sie sich auf den gesamten Weg. Die heutige Wissenschaft greift deshalb auf Wegeindikatoren zurück. Das sind Einrichtungen und Objekte, die sich im Mittelalter typischerweise entlang bedeutender Fernstraßen befanden.

Auch wenn man den genauen Verlauf der Trasse kennt, so ist ein Pilgern auf historischen Trassen für heutige Pilger nur punktuell möglich. Der Verlauf der alten Fernstraßen wurde oft von heutigen Autostraßen übernommen. Deshalb muss oft ein Kompromiss zwischen Gesichte und Gegenwart gefunden werden, denn wer will schon entlang einer Autobahn oder Landstraße pilgern?