Pilgern im Mittelalter

Dante Alighieri schrieb in seiner Vita Nuova: "Sie heißen peregrini, weil sie an die heilige Stätte in Galicien reisen und dort das Grab des heiligen Jakobus besuchen."

Doch warum sind Menschen im Mittelalter nach Santiago de Compostela gepilgert, warum haben sie sich auf eine gefährliche, lange Wanderschaft begeben?

Motive für den Jakobsweg

Viele Menschen suchten Santiago mit der Ruhestätte des heiligen Apostels Jakobus auf, weil sich sich von seiner Nähe Heilung und Heiligung erhofften. Sie litten an Gebrechen, oft an chronischen Krankheiten, und wünschten sich Milderung ihrer Leiden.
Dann gab es Menschen, die mit ihrer Pilgerfahrt ein Versprechen an den Heiligen Jakobus einlösen wollten. Sie hatten ihn in einer Notsituation angerufen und er hatte ihnen geholfen, etwa bei einem Unfall oder einer gefählichen Lage. Diese Menschen haben also mit der Pilgerfahrt ein Gelübde eingelöst.
Ein Teil der Pilger nahm die Stapazen einer Wallfahrt nach Santiago de Compostela auch für den Erlass von Sündenstrafen auf sich. Im Mittelalter hatten die Menschen große Angst aufgrund irdischer Sünden in die ewige Verdammnis zu gelangen. Des weiteren wollte man es unter allen Umständen vermeiden, den Weg zur Seligkeit druch das Fegefeuer antreten zu müssen. Das Fegefeuer ist nach der Lehre der katholischen Kirche ein Ort der Läuterung, allerdings ein Ort qualvoller Reinigung der Seele von den Sünden, die zwar nicht in die Verdammnis führten, aber dennoch gesühnt werden mußten.

Ablass - Erlass der Sünden

Die Kirche predigte im Mittelalter einen Weg, bereits auf Erden göttliches Verzeihen zu erwirken: es musste wahre Reue deutlich sichtbar gezeigt werden. Solche sichtbare Reue konnte durch durch Geld- oder Sachspenden an die Kirche erreicht werden, aber auch durch eine Pilgerreise zu einem anerkannten Wallfahrtsort. Kam der Sünder dann von der Pilgerfahrt zurück, so waren seinen Sünden nach der kirchlichen Ablasslehre vergeben. Der Pilger erhielt indulgentia, also den Erlass seiner Sündenstrafen durch die gezeigte Reue und durch die Nähe zu einem Heiligengrab. Wie weit der Erlass ging war hingegen abhängig von dem Gewicht der Sünden und der Bedeutung der Wallfahrt.
Das Grab des heiligen Jakobus, eines der engsten Weggefährten Jesu, war sehr abgelegen, fast am Ende der Welt: das Kap Finisterrae, was als Ende der Welt galt, lag von Santiago de Compostela lediglich drei Tagesmärsche entfernt. Danach gab es nur noch den unendlichen Ozean. Schon von daher hatte eine Pilgerfahrt nach Santiago ein großes Gewicht, was den Umfang des Sündenerlasses anging.

Heiliges Jahr

Da auch dem Erzbischof von Santiago daran gelegen war, das möglichst viele Pilger zu seiner Kathedrale kamen, richtete er es so ein, dass ein vollständiger Sündenerlass mit einer Jakobspilgerfahrt verbunden war, jedenfalls von der reuige Pilger an einem heiligen Jahr nach Santigo kam. Das heilige Jakobsjahr wird immer dann gefeiert, wenn das Sankt Jakob Fest am 25. Juli auf einen Sonntag fällt. Schon Papst Alexander III. hatte 1179 in einer Bulle diesen vollständigen Sündenerlass für Pilger im Heiligen Jahr vorgesehen. In den heiligen Jahren wird in der Kathedrale von Santiago eine besondere Gnadenpforte geöffnet. Im 15. Jahrhundert hatte sich dann auch in Rom das Heilige Jahr für die Rompilger durchgesetzt; dort findet es alle 25 Jahre statt.

Eine weitere Gruppe der Jakobspilger bestand aus Menschen, die gerne ein Abenteuer suchten. Sie wollten fremde Menschen und Länder kennen lernen. Sie pilgerten also nicht vordergründig aus religiösen Motiven. So ist es wohl auch heute bei sehr vielen Pilgern.
Einige Pilger sahen ihre Wallfahrt nach Santiago auch als letzen Abschnitt ihres Lebensweges an. Mit letzter Energie kamen sie bei dem Heiligengrab an um dort im Bewußtsein zu sterben, einen Ablass ihrer Sünden zu erhalten und in die Ewigkeit zu Gott eingehen zu können.
Und schließlich gab es eine Gruppe von Pilgern, die den Pilgerstand lediglich ausnutzten, um die Privilegien der Pilger zu erhalten, nämlich freie Unterkunft in Pilgerherbergen und Verpflegung sowie milde Gaben.