Pilgerführer und Pilgerberichte im Mittelalter

Bruder Jakob, schläfst du noch?

Aus der Pilgerzeit des Mittelalters finden wir noch viele Überbleibsel, die an den heiligen Jakob, sein Grab und die großen Pilgerreisen erinnern. Oft allerdings wirden diese Pilgerzeugnisse gar nicht als solche erkannt. Denken wir beispielsweise an das in vielen Ländern bekannte Kinderlied "Bruder Jakob, schläfst du noch, schläfst du noch? Hörst du nicht die Glocken, hörst du nicht die Glocken, ding, ding. dong, ding, ding, dong." Auf französisch heißt es: "Frère Jacques, Frère Jacques Dormez-vous, dormez-vous?", auf englisch: "Are you sleeping, are you sleeping, brother John, brother John und auf spanisch: "Martinillo, martinillo, donde esta, donde esta. Toca la campana, toca la campana. Din, don, dan, din, don, dan." Mit Bruder Jakob ist nicht etwa der Apostel Jakob gemeint, nein, sondern ein Pilger, der auf dem Jakobsweg die Messe verschlafen hat. Dieses Lied wurde im Mittelalter von den Pilgern gesungen, die der Tradition zufolge mit dem ersten Glockenschlag ihr Nachtlager in der Pilgerherberge verließen, zur Messe gingen und sich dann auf den Weiterweg machten.

Pilgerzeugnisse

Will man handfeste Pilgerzeugnisse finden, so begibt man sich am besten in die Klöster, die am Jakobsweg liegen. Denn diese haben aus wichtigem Anlass Buch über die Pilger geführt, die in ihren Mauern Schutz suchten. So erzählt eine Aufzeichnung im Kloster Reichenau aus dem Jahr 930 von einem Pilger, der blind und körperbehindert war. Er habe zahlreiche Heilige besucht, darunter den heiligen Jacobus in Galicien. Dort habe er sein Augenlicht zurück erhalten. Dieser Bericht in einem Traktat des Klosters Reichenau ist eines der ältesten Pilgerzeugnisse. Man kann daraus ersehen, dass es Pilgerreisen nach Santiago de Compostela bereits im 10. Jahrhundert gab.

Die Anzahl der Pilger wuchs danach rapide. So berichtet etwa die Historia Compostellana im 12. Jahrhundert, dass die Menge der christlichen Pilger, die nach Compostela gehen und wieder von dort zurückkehren so groß sei, dass sie kaum den Weg nach Westen offen lasse.

Pilgerführer Jakobsbuch

Seinerzeit gab es auch bereits Pilgerführer in Schriftform. Einer der ersten war das in französischer Sprache verfasste Jakobsbuch, das Mitte des 12. Jahrhunderts entstand. In seiner Freitragspredigt, der Veneranda dies, warnte es die Gläubigen vor den Gefahren des Pilgerweges, vor Betrügereien der Wirtsleute, vor Raubüberfällen, vor falschen Priestern, giftigen Wasserstellen und vor den körperlichen Anstrengungen der Reise. Als Urheber des Jakobsbuchs wird oft Papst Calixt II angeführt, der von 1119 bis 1124 im Amt war. Deshalb wird es auch Codex Calixtinus genannt. Es besteht aus 225 Seiten, die in fünf Bücher bzw. Kapitel unterteilt sind. Enthalten sind Legenden um den Heiligen Jacobus sowie auch pratische Hinweise für die Pilgeraspiranten. Zudem enthält es vielfältige liturgische Musik. Der letzte Abschnitt des Jakobsbuches ist die Veneranda dies. wie schon angerissen, enthält sie praktische Reisetipps, Warnungen und auch Wegbeschreibungen und ein Beschreibung der Stadt Santiago de Compostela.
Der erste deutschsprachige Pilgerführer wurde im Jahr 1495 von Hermann Küning von Vach unter dem Titel " Die walfart und straß zu sant Jakob" veröffentlicht. Auch hier wird auf die Gefahren der Pilgerfahrt eingegangen, werden praktische Hinweise gegeben und der Weg und das Ziel beschrieben. Ganz am Anfang wird die Empfehlung gegeben, sich vor der Reise an Gott und Maria um Schutz und Hilfe zu wenden.

Pilger des Mittelalters

Ein sehr bekannter Pilger des Mittelalters war Sebastian Ilsung, weil er seine Wallfahrt nach Santiago im Jahr 1446 aufgezeichnet hat. Ähnliches tat Leo von Rosental aus Böhmen im Jahr 1456 und der Arzt Hieronymus Münzer aus Nürnberg in den Jahren 1494 und 1495. Diese Pilger waren jedoch Adlige oder hochstehende, reiche Persönlichkeiten, die von den Gefahren des Jakobsweges weitgehend verschont blieben.