Gaucho - ein Mythos im Sattel

Wer an Argentinien denkt, denkt an Gauchos, Steak und Pampa, an die südamerikanischen Cowboys, die ihren Tag, ihr Leben im Sattel verbringen.

Es war der Schriftsteller José Hernández, der die Gauchos, die Reiter der Pampa, mit seinem Versepos "Martín Fierro" zu argentinischen Nationalhelden emporhob. Da steht er, der Gaucho, mit seinen weiten Hosen, den bombachas, dem ledernen, silberbeschlagenem Gürtel, dem rastra, und dem scharfen Messer mit der langen Klinge, dem facón und blickt von seinem edlen Pferd über die südamerikanische Prärie, die Pampa.

Gauchos waren früher oft Mestizen, das heißt Mischlinge, Halbindianer. Sie jagdten den immer größer werdenden Vieherden hinterher, wie es die Indianer mit den Guanacos und Nandus getan hatten. Die Gauchos waren unabhängig, solange es wenig Menschen gab und sie die Rinder, ihr Fell und Fett wirtschaftlich verwerten konnten.

Ja, die Pampa gehörte ursprünglich den Gauchos. Sie war lange Zeit ein besitzloses Land, auf dem tausende von herrenlosen Rindern weideten. Die Gauchos zogen mit den Tieren durchs die Ebenen. Doch das blieb nicht lange so: die Estancieros, die Großgrundbesitzer, zäunten ihre Ländereien mit Stacheldraht ein und die Cowboys Südamerikas wurden zu abhängigen Landarbeitern, von den großen Landbesitzern unterdrückt. Aber so hatten sie es selbst mit den Indianern getan. Viezucht wurde ein Wirtschaftszweig.

Es war nicht mehr die einfache Viehwirtschaft, sondern es entstanden technisierte Schlachthöfe, saladeros, die von den Estancieros betrieben wurden. Hierfür benötigten sie Arbeitskräfte. Die Reitkunst der Gauchos war dabei erwünscht, diese jedoch waren keine sehr willigen Arbeiter. So versuchten die Landbesitzer die Gauchos mit allen Mitteln gefügig zu machen: sie erwirkten Gesetze, die es Männern, die keine Arbeit hatten, verboten, durch die Pampa zu reisen. Das wurde als Landstreicherei geahndet. Die Gauchos waren gezwungen, sich am Rand der Pampa aufzuhalten, oder auf einer Estancia zu arbeiten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es keine frei umherziehenden Gauchos mehr.

Eine Estancia ist ein landwirtschaftliches Unternehmen mit dem Estanciero an der Spitze. Er ist der patrón. Ein Vorarbeiter, der capataz, steht zwischen ihm und den Gauchos. Die Gauchos sind moderne Landarbeiter, péones, geworden, die viel von ihrer Freiheit eingebüßt haben. Ihr Herr, der Estanciero, verlangt viel von ihnen.

Die Gauchos verbringen ihr Leben im Sattel. Ihre Arbeitszeit beginnt weit vor Sonnenaufgang und endet bei Sonnenuntergang. Und dennoch ist ihr Lohn nur gering: 800 Pesos verdienen sie etwa im Monat. Das sind knapp 200 Euro.

Das Arbeitswerkzeug des Gauchos ist sein Pferd. Die Pferderasse, die bei den Männern beliebt ist, ist das Criollo. Die Criollos sind ausdauernd, furchlos und haben ein ansprechendes Äußeres. Berühnt wurden die Criollos aber nicht durch die Gauchos, sondern durch den Schweizer Aimé-Félix Tschiffely. Er startete im April 1925 mit zwei dieser Pferde in Buenos Aires und machte sich auf den (Pferde)Weg nach New York. Für die 15.000 Kilometer brauchte er etwa dreieinhalb Jahre. Das war der längste Ritt, den ein Mensch unternommen hatte.

Die Literatur entdeckte den Gaucho erst, als es ihn in seiner ursprünglichen Form gar nicht mehr gab. Sie machte seine wilde Unabhängigkeit, die früher als Gesetzlosigkeit angesehen wurde, zum heldenhaften Inbegriff des Gauchotums. Es war Hernández, der es durch sein literarisches Werk den Gaucho rehabilitierte. Der Gaucho wurde bewundert: als höflich, unabhängig und großzügig. Argentinien hatte ihn damit in seine Weltsicht aufgenommen.